Urlaub trotz Corona: Gefährliche Reisen in Risikogebiete | Startseite | REPORT MAINZ (2023)

SENDETERMIN Di, 9.3.2021 | 21:46 Uhr | Das Erste

Während in Deutschland heftig über Lockerungen diskutiert wird, ist Urlaub in einigen Ländern ohne Quarantäne oder Corona-Test möglich. Dort, wo man auf Touristen angewiesen ist, gibt es oft wenige Schutzmaßnahmen, zum Beispiel auf Sansibar oder in Mexiko.

Der Frankfurter Flughafen. Schlange stehen für Flüge in die Sonne.  

Urlauber: "Wir müssen einfach mal raus, wir müssen was anderes sehen, was anderes hören. Und die Sicherheitsbestimmungen, die es jetzt gibt, die sind ja so gut, da kann eigentlich nichts passieren."

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Urlauberin: "Wenn wir jetzt nicht in Elternzeit wären, hätten wir die Reise definitiv verschoben. Aber wir haben natürlich jetzt nur begrenzt Zeit dafür, und wir haben schon auch einige Kritik im Freundeskreis oder in der Familie dafür bekommen."

Wissenschaftler und Politiker raten wegen der Pandemie generell von Reisen ab. Appelle, die am Flughafen offenbar verhallen. 

Besonders problematisch: Reisen in Hochinzidenz-Gebiete. Dort ist das Coronavirus stark verbreitet, die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung sehr hoch. 

Etwa in Mexiko. Dorthin ist Marco M. aus Thüringen unterwegs. 

Marco M.

Marco M., Urlauber: "Wenn ich da sage: 'Ich fliege jetzt nach Mexiko', ist die erste Frage: 'Darf man das überhaupt?'. Ich sage: 'Es steht doch nirgendwo geschrieben, dass man da jetzt nicht verreisen darf. Da ist jetzt eine Reisewarnung, aber kein Verbot.'"

Von der Reisefreiheit machen offenbar viele Gebrauch: Aktuell fliegt die Lufthansa fünf Mal die Woche von Frankfurt direkt nach Cancún.

Mexiko - gerade in Corona‑Zeiten ein attraktives Urlaubsziel. Das Land verlangt bei der Einreise weder einen Corona‑Test noch Quarantäne vor Ort.  

Und auch an den Stränden scheint die Pandemie weit entfernt. Lennart und sein Vater Jochen aus Stuttgart sind auch deswegen hierhergekommen - um Corona mal ein bisschen zu vergessen.  

Lennart

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Lennart, Urlauber: "Am Anfang war das extrem schwierig, weil ich kam hierher, und es war so richtig befremdlich, allein in einer Schlange zu stehen, und alles war ganz, ganz arg zusammen, und keiner hat eine Maske getragen."

Sonne, Strand, Meer - da wirkt Corona weit entfernt.  

Lennart, Urlauber: "Wenn man dann irgendwie mal wieder abends so eine Beach Party hat oder so, da wird man auf jeden Fall wieder eigentlich unvorsichtiger, aber auf der anderen Seite auch so, es fühlt sich auch mal wieder richtig gut an. Einfach mal wieder leben, dann ist irgendwie in dem Moment Covid egal."

Partys mit hunderten Besuchern - ohne Abstand

Nicht nur Lennart freut sich über die Partys am Strand - und für manche Urlauber bleibt es nicht nur bei Beach Partys. Auch in den Clubs der Touristen‑Hotspots an der mexikanischen Riviera wird es am Abend immer voller. Masken, Hygiene, Sicherheitsabstand? Fehlanzeige.  

Touristen aus Virusmutationsgebieten wie Brasilien und Tschechien drängen sich hier dicht an dicht mit Deutschen. Hier treffen wir auf eine deutsche Touristin, sie möchte nicht erkannt werden.  

Touristin: "Warum sollte ich mich einschränken in meinem Leben, wenn ich das woanders ausleben kann? Also vielleicht ist ein bisschen egoistisch, ja klar, aber ich kann auch nicht immer an alle anderen denken, ich muss ja auch mich denken, und wenn ich gerade Lust auf Urlaub hab, dann mach ich’s halt einfach."

Feiern, als gäbe es kein Corona. Zu hunderten, in geschlossenen Räumen. Der Alkohol fließt in Strömen.  

Wir zeigen unsere Aufnahmen aus Mexiko dem Epidemiologen Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften. 

Prof. Timo Ulrichs

Prof. Timo Ulrichs, Epidemiologe, Akkon Hochschule für Humanwissenschaften: "Wir verzichten ja die ganze Zeit auf so etwas. Die Clubs sind zu, die Diskotheken sind zu, alles ist bei uns nicht erlaubt. Aus gutem Grund, weil wir ja da sehen, dass das also so richtiger Hotspot sein kann von Übertragungen.  Und hier passiert das alles, als gäbe es gar kein Corona. Diese Gefahr, dass wir weitere Viren hier nach Deutschland bekommen, durch Reisetätigkeit ist, ist einfach da."

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Region ist auf Tourismus angewiesen

Ein Risiko für eine ganze Region, deren Wirtschaft vom Tourismus lebt. Joshua Arpaiz betreibt eine Strand‑Bar im mexikanischen Tulum, beliebt auch bei Urlaubern. Er duldet das sorglose Verhalten mancher Touristen, weil seine Existenz davon abhängt.  

Joshua Arpaiz

Joshua Arpaiz, Srandbar-Betreiber: "Für uns in Tulum bedeutet kein Tourismus - keine Arbeit. Es gibt keine staatliche Unterstützung. Man muss einen Weg finden sich mit dem Notwendigsten zu versorgen: Essen, Wasser, Miete. Es ist kompliziert ohne Tourismus."

Die Urlaubsinsel Sansibar vor der Ostküste Afrikas. In gewisser Hinsicht ist die Situation hier noch extremer. Im vergangenen Mai hat die Regierung aufgehört, Corona‑Zahlen zu veröffentlichen, erklärte die Insel kurzerhand für Corona‑frei. Auch hier keine Auflagen bei der Einreise. Sorgloser Urlaub mitten in der Pandemie. 

Urlauber, Quelle: Spiegel: "Kein Corona! Das ist das Leben! Ich bin so glücklich."

Wie in Mexiko auch hier: Partystimmung unter den Urlaubern, ausgelassene Feiern, kein Gedanke an Corona.  

Mittlerweile haben bekannte Corona‑Skeptiker Sansibar für sich entdeckt, so wie der Schweizer Roger Bittel. Er beteiligt sich an der Verbreitung von Verschwörungstheorien, bietet auf seinen Kanälen auch Coronaleugnern immer wieder eine Plattform.

Seit Februar ist er auf Sansibar und berichtet seinen Followern in Live‑Streams vom Leben auf der Insel, zeigt sich auch mit einheimischen Kindern vor der Kamera. 

Roger Bittel, Corona-Skeptiker: "Die Leute sind entspannt, locker drauf. Hygiene‑Konzept, wie ich vorhin gehört habe, gibt’s keines. Keine Maske, hier gibt’s keine einzige Maske, ich hab keine Maske gesehen auf der ganzen Insel. Ja, kommt nach Sansibar!"

Eine Anfrage von REPORT MAINZ an Roger Bittel bleibt unbeantwortet.   

Ärztin auf Sansibar sieht die Lage mit Sorge

Die deutsche Ärztin Jenny Bouraima arbeitet seit sechs Jahren auf Sansibar. 

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Aktuell kommen vermehrt Patienten mit Atemwegserkrankungen zu ihr, darunter auch Touristen. 

Ob sie Corona haben, bleibe oft unklar, weil Testergebnisse nicht veröffentlicht würden.  

Jenny Bouraima

Jenny Bouraima, Ärztin auf Sansibar: "Und was eben auch passieren kann ist, dass Menschen dadurch, dass keine Vorsichtsmaßnahmen eingehalten werden und sich das Virus quasi ungehindert verbreiten kann in der Bevölkerung, was in der Natur eines Virus liegt, Mutationen entstehen können und diese dann mit nach Hause geschleppt werden."

Hagen in Nordrheinwestfalen. Hier erkrankte ein Urlauber aus Sansibar an der gefährlichen, südafrikanischen Variante des Virus direkt nach seiner Rückkehr. Die Stadt bestätigt uns: Fünf weitere Menschen hat er angesteckt, drei mussten klinisch behandelt werden. 

Wie konnte das passieren? 

Bei Rückreise nach Deutschland gilt: Wer aus einem so genannten Risikogebiet einreist, muss spätestens 48 Stunden nach Einreise einen negativen Corona‑Test vorlegen. In fast allen Bundesländern müssen Reisende auch zehn Tage in Quarantäne. 

Ausnahme: Nordrhein‑Westfalen. Hier muss nur in Quarantäne, wer bei Einreise positiv ist. Doch wer gerade erst infiziert wurde, bleibt im Zweifel unentdeckt, wie der Fall des Sansibar‑Urlaubers aus Hagen zeigt, denn er testete zuerst negativ.  

Politik hält an bestehender Regelung fest

Fest steht: In Deutschland gibt es Reisewarnungen, aber keine Reiseverbote. Andere Länder wie Kanada haben Flüge nach Mexiko eingestellt. Rückkehrer aus anderen Ländern müssen sich direkt am Flughafen testen lassen und 14 Tage in Quarantäne. 

Wir fragen das Bundesgesundheitsministerium, ob Deutschland verschärfte Vorsichtsmaßnahmen einführen sollte. In der Antwort wird lediglich auf die bestehenden Regelungen verwiesen.   

Timo Ulrichs, Epidemiologe, Akkon Hochschule für Humanwissenschaften: "Das Beispiel Kanada zeigt ziemlich eindrücklich, dass man das durchaus auch stringent umsetzen kann und eben auch so etwas verlangen kann. Einfach um diese Sicherheit zu haben, dass nicht noch von außen wieder neue Varianten oder überhaupt viele Viren wieder eingeschleppt werden in einer Situation, wo wir mit der zweiten Welle noch zu kämpfen haben, eine dritte sich am Horizont abzeichnen könnte."

(Video) Unsichere Corona-Schnelltests für jedermann | Report Mainz

In der Regierung kein Reisekonzept, in der Bevölkerung nachvollziehbare Reiselust - auf Deutschland kommen spätestens zur Urlaubssaison große Herausforderungen zu.  

Stand: 9.3.2021, 15.27 Uhr

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Author: Melvina Ondricka

Last Updated: 03/24/2023

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